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Neue Herausforderungen im Risk Management

Ein Blick in die Zukunft: Neue Herausforderungen im Risk Management

Interview mit Bruno Länzlinger, Mobiliar

Consor: Ich möchte zunächst mit dem Stichwort „Compliance“ beginnen. Banken haben ihre Compliance-Manager innert 20 Jahren von einer überschaubaren Zahl auf mehrere Tausend aufgestockt. Gemäss der Zeitschrift „Bilanz“ erobern die Compliance-Manager die Macht im Unternehmen. Wie werden sich die Compliance-Vorschriften in Zukunft entwickeln?

BL: Compliance Vorschriften – und insbesonders deren Einhaltung – sind heute bereits ein sehr wichtiger Bestandteil im Geschäft einer Versicherungsgesellschaft. Tendenziell werden Compliance Vorschriften in absehbarer Zukunft noch zunehmen. Ein Versicherer ist heute gut beraten, viel Aufmerksamkeit dieser Thematik zu widmen. Zweifelslos dürfen wir uns keine entsprechenden Nachlässigkeiten erlauben.

Consor: Und was bedeutet dies dann für das Risk Management?

Swiss Solvency Test SSTBL: Das Risk Management (RM) geniesst einen hohen Stellenwert. Zum einen, um sicher zu stellen, dass das operative Geschäft ordnungsgemäss abgehandelt wird und keine nicht-kalkulierbaren Risiken eingegangen werden. Zum anderen, dass die Reputation des Unternehmens nicht in Frage gestellt wird. Im Rahmen des SST’s (Swiss Solvency Test) besteht ein direkter Link zwischen RM und Kapitalbedarf eines Versicherers. Im positiven Fall, d.h. wenn ein Versicherer demonstrieren kann, dass er seine Risiken im Rahmen der Möglichkeiten unter Kontrolle hat, muss dieser dem Versicherungsgeschäft weniger Kapital unterlegen.

Consor: Und im negativen Fall?

BL: Bei Unsicherheiten müssen grössere Sicherheitsbuffer eingebaut werden. Das heisst, ein Versicherer hat somit einen grösseren Kapitalbedarf und entsprechend auch höhere Kosten. Die Versicherer müssen sicherstellen, dass ihre Bilanz im Schadenfall die Verpflichtungen aus ihren Produkten und Dienstleistungen absorbieren können.

Consor: Muss dann nicht befürchtet werden, dass dies alles einen Einfluss auf die Innovation oder die Dynamik der Produktentwicklung hat und damit die Marktveränderung beeinflusst? Wird das System dadurch nicht starrer?

BL: Ich denke zum heutigen Zeitpunkt nicht. Versicherer wissen mit dieser Problemstellung umzugehen. Es liegt im Interesse der Versicherungsindustrie, gut abgesichert zu sein. Der grosse Konkurrenzkampf innerhalb der Versicherungsindustrie zwingt die Gesellschaften zu Innovationen.

Consor: In diesem Zusammenhang stellt sich auch gleich die Frage nach den Zukunftstrends in der Versicherungsbranche, die neue Herausforderungen im Risk Management bringen wird. Welche dieser Entwicklungen würden Sie als diskussionswürdig einstufen?

BL: Eine dieser Entwicklungen wird die Digitalisierung und deren Folgen sein. Cyber-Risiken werden meines Erachtens die Versicherungsindustrie stark beschäftigen.

Consor: Und welche Herausforderung sehen Sie in diesem Zusammenhang?

BL: Die Nachfrage seitens Kunden (Privat- wie auch Unternehmenskunden) nach Cyber-Deckungen wird kontinuierlich steigen. Die Herausforderung für Versicherer besteht darin, die grosse Breite von Cyber-Risiken zu erfassen und entsprechend adäquate Versicherungsprodukte zu entwickeln. Der Umstand, dass in Bezug auf Cyber-Risiken nicht auf Erfahrungsdaten zurückgegriffen werden kann und Cyber-Risiken, im Rahmen der Digitalisierung sich rasend schnell weiter ausbreiten bzw. immer neue Formen annehmen, macht die Aufgabe der Gefahreneinschätzung sehr anspruchsvoll.

Consor: Spricht dies auch kleinere Unternehmen an?

BL: Auf jeden Fall. Wie gesagt, es wird alle Arten von Unternehmen, von gross bis klein sowie Privatpersonen betreffen. Grössere Unternehmen beschäftigen sich bereits heute stark mit der Cyber-Thematik. Als Versicherungsindustrie sind wir heute nur bedingt in der Lage, Cyber-Lösungen und entsprechende Kapazitäten bereit zu stellen. Allerdings wird bei vielen Versicherungsgesellschaften mit Hochdruck an der Entwicklung von Cyber-Produkten, -Deckungen und –Dienstleistungen gearbeitet.

Cyber-AttackeConsor: Sich dagegen zu schützen ist recht schwierig, da es zum Teil einfache menschliche Eigenschaften wie zum Beispiel Neugier oder Hilfsbereitschaft sind, die Cyber Attacken überhaupt erst möglich machen.

BL: Ich bin überzeugt, die Lernkurve der Gesellschaft (nicht die Mobiliar als Versicherer!) wird steil und schnell sein. Als Gesellschaft werden wir Mittel und Wege finden, uns besser gegenüber Cyber-Attacken abzuschirmen. Die IT-Systeme werden bedeutend robuster werden. Allerdings ist es illusorisch zu glauben, dass ein 100%iger Schutz möglich ist. Der Mensch mit seinen Schwächen stellt wohl im Zusammenhang mit Cyber-Risiken das grösste Gefahrenpotenzial dar.

Consor: Was sind Ihre Pläne im Bereich Cyber?

BL: Die Mobiliar wird anfangs 2017 für das Privatpersonensegment eine innovative, umfassende Cyber-Deckung offerieren können. Für die Segmente KMU und Unternehmen gehe ich davon aus, dass wir in der 2. Hälfte 2017 bedürfnisgerechte Cyber-Lösungen im Angebot haben. Der Stand der heutigen Entwicklungsarbeiten stimmt uns positiv.

Consor: Gibt es weitere, ähnliche Herausforderungen?

Bruno Länzlinger: Ein weiterer Trend stellt das autonome Fahren dar. Da tun sich natürlich sehr viele Risikofelder auf. Zum einen eine Gefahr für das Business Modell „Versicherung“, weil die Automobilindustrie dies eventuell selber anbieten. Ich glaube persönlich zwar nicht daran, weil man ja schliesslich doch Lizenzen dazu benötigt, man benötigt die Schadenbehandlung im Hintergrund. Man kann zwar alles outsourcen und einkaufen, dies ist alles möglich. Ich bezweifle aber, ob am Schluss diese Firmen sich tatsächlich entscheiden, Versicherungen selber anzubieten.

Consor: Gibt es weitere, ähnliche Herausforderungen?

BL: Autonomous Driving, autonomes Fahren, wird uns als Versicherungsindustrie ebenfalls stask beschäftigen bzw. herausfordern.

Consor: Welche Herausforderungen sehen Sie mit selbstfahrenden Autos?

BL: Aus dem autonomen Fahren heraus ergeben sich völlig neue Konstellationen und Risiken, auch für uns als Industrieversicherer. Nehmen wir beispielsweise einen Automobilhersteller. Aufgrund der immer grösseren Komplexität im Rahmen des Fahrzeugbaus (Verschmelzung von diversen Produktkomponenten in einzelne Bauteile) wird es zunehmend schwierig, bei Produkt-Haftpflichtfragen zu differenzieren zwischen dem Automobilhersteller und der einzelnen Lieferanten von Hard- und Software (inkl. Navigations- und Ortungsservices). Der Gesetzgeber wird hier gefordert sein (Tendenz zur mehr Solidarhaftung?). Im weiteren, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass kein Autoinsasse mehr eigentlicher Lenker des Fahrzeuges ist, wird auch die Verschuldens- bzw. Haftungsfrage bei Autounfällen vom Gesetzgeber neu geregelt werden müssen. Dies wird auf alle Marktteilnehmer, inkl. Versicherer, Auswirkungen haben.

Consor: Wie beurteilen Sie den Einfluss der Digitalisierung als Ganzes auf die Unternehmensversicherungen?

BL: Kurzfristig wird die Digitalisierung nur geringfügige Auswirkungen auf die Unternehmensversicherer haben. Mittel- bis langfristig bin ich der Meinung, dass sich beide Parteien, die Kunden und die Versicherer, die Digitalisierung zu ihrem Nutzen verwenden können. Seitens der Versicherer werden mehr digitale Informationen zur besseren Risikobestimmung bzw. – beurteilung herbeigezogen werden können. Dies wird im idealen Fall positive Auswirkungen auf die Schadenslast haben. Als Mobiliar arbeiten wir heute mit IBM zusammen an einem Projekt, welches uns die Möglichkeiten für das Digitalisierungszeitalter aufzeigen soll.

Consor: Hat der Kunde dadurch Vorteile?

BL: Ich schätze die Vorteile für den Kunden als bedeutsam ein. Nicht, dass nur viel mehr Transparenz in Bezug auf bestehende Marktteilnehmer besteht, welche benötigte Deckungen und Kapazitäten offerieren, sondern, dass auch die Preisgestaltung individueller – und somit fairer – gestaltet werden kann.

Consor: Und was bedeutet das für die Versicherer?

BL: Mehr und bessere Informationen seitens der Versicherer bedeutet eine präzisere Einschätzung seiner einzelnen Versicherungsrisiken bzw. –portfolios. Im Rahmen des Risk Management‘s werden qualitativ hochwertigere Aussagen möglich werden. Somit kann das für die Risikounterlegung benötigte Kapital effizienter eingesetzt werden. Das bedeutend weniger Kosten.

Ich bin überzeugt, die Vorteile der Digitalisierung werden die Kunden sowohl als auch die Versicherer im positiven Sinne zu spüren bekommen.

Consor: Herzlichen Dank, Herr Länzlinger, dass Sie sich Zeit für dieses aufschlussreiche Interview genommen haben!