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Hype vs. Realität: Digitalisierung in der Industrieversicherung

Wozu Innovation?

Quelle: Kauffmann Foundation

Die Zeiten für Unternehmen ändern sich. 89 % der Firmen, die 1955 noch zu den Fortune 500 gehört haben sind heute nicht mehr gelistet. Dazu gehören bekannte Beispiele wie Kodak, Polaroid oder auch Campbell Soup – die man von den Andy Warhol Bildern kennt. Diese Firmen sind einfach verschwunden, sie gingen Konkurs oder wurden übernommen. Die durchschnittliche Lebensdauer von börsennotierten Firmen betrug in den 50er Jahren noch 61 Jahre. Heute liegt die durchschnittliche Lebensdauer unter 20 Jahren. Die Grösse einer Firma alleine schützt also vor gar nichts.

Das Ende von Unternehmungen

Gerade bei Computer- und Techfirmen gibt es zahlreiche Beispiele, die zeigen: Sobald man keine Innovationen mehr hervorbringt, beginnt zuerst die wirtschaftliche Stagnation, dann der Abstieg und letztlich die Übernahme durch Mitbewerber.

Vielleicht kennen Sie noch berühmte Fehleinschätzungen wie «Niemand wird einen Computer Zuhause brauchen» (Ken Olsen, 1977), oder, wenn man noch weiter zurück geht «Das Auto ist nur eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.» (Kaiser Wilhelm II, um 1900).

Die kulturelle Stagnation einer Firma beginnt also lange vor der wirtschaftlichen Stagnation.

Auch der viel zitierte Charles Darwin lehrte uns bereits: “Es ist nicht die stärkste der Arten, die überlebt, noch die intelligenteste. Es ist diejenige, die am anpassungsfähigsten auf Veränderungen reagiert.”

Es braucht also die Bereitschaft für den Wandel. Aber genau hier liegt das Problem, denn alle wollen Innovation, aber niemand will sich selber verändern. Wie gehen nun Versicherungen mit dieser Notwendigkeit, Wandel voranzutreiben um?

What would Google do?

Viele nehmen sich amerikanische Internetfirmen als Vorbilder. Ziel ist es, so innovativ, dynamisch und erfolgreich zu werden wie Google, Spotify oder Netflix.

Versicherungen beginnen dann mit Hochdruck in Innovation Labs, hippe Berliner Startups und Blockchain Thinktanks zu investieren. Oder sie gründen sogenannte Innovation-Labs, in denen die Mitarbeiter befreit arbeiten können – ohne den Zwang einer Grossfirma, dafür aber mit deren finanziellen Sicherheit.

Grundsätzlich keine schlechte Idee.

Die Themen, mit denen sich Innovation Labs in den Versicherungen befassen, beinhalten meist die aktuellen Buzzwords der Techbranche: Künstliche Intelligenz, Blockchain, Cyber-Sicherheit, digitale Versicherungsmodelle und so weiter.

Beteiligung an Startups

Wer sich nicht am Aufbau und der Leitung eines solchen Labs befassen kann oder will, kann auch einen anderen, derzeit beliebten Ansatz verfolgen: Finanzielle Direkt-Investitionen in Startups. Die Versicherungen suchen sich Startups mit Synergiepotenzial zum eigenen Geschäft.

Hier ein paar Beispiele aus der Schweiz:

  • Die Basler Versicherung kaufte die Umzugsplattform MOVU.
  • Die Zürich Versicherung beteiligte sich am Start-up autoSense, das Echtzeitdaten eines Fahrzeugs in einer App aufzeichnet.
  • Axa beteiligt sich an Silenccio, die sich mit Schutz vor Cybermobbing beschäftigen.

 

Ein sehr ähnlicher Trend zeichnet sich auch in Deutschland ab, die Allianz investiert in ein Startup namens Schutzklick, die AXA in das Handwerker Start-up Homebell, Debeka in ottonova usw.

Ökosysteme

Symbolbild Ökosysteme

Aber was wird mit diesen Direktinvestitionen in Startups bezweckt? Was wollen die Versicherer damit erreichen? Das Zauberwort heisst «Ökosysteme».

Viele Versicherer versuchen, aus dem reinen Transaktionsgeschäft zwischen Versicherer und Versichertem rauszukommen und ihre Dienstleistungen als Teil eines Ökosystems anzubieten. Typische Ökosysteme sind dabei:

  • Mobilität – alles rund um Menschen und Güter, die bewegt werden
  • Wohnen – alles rund ums private Heim.
  • Gesundheit, Leben, Wellness – alles rund ums private Wohlfühlen

 

Die Gründe für die Investition in Ökosysteme sind so vielfältig wie ihre Bestandteile:

  • Kunden wünschen Dienstleistungen aus einer Hand.
  • Die On- und Offline Welten sollen verknüpft werden.
  • Auch eine grosse Versicherung kann nicht alles anbieten und ist auf Partnerschaften angewiesen.
  • Und letztlich erhofft man sich Multiplikationseffekte: Ein Ökosystem ist mehr als die Summe seiner Einzelteile.

 

Was ist von all diesen Innovations- und Digitalisierungsinitiativen zu halten? Wir versuchen hier, dies einmal kritisch zu betrachten:

Risiken und Nebenwirkungen

  • Parallelwelten: Bei Innovationslabs oder auch Beteiligungen an Startups besteht das Risiko, dass Parallelwelten entstehen. Auf der einen Seite die klassisch, seriöse Versicherungsunternehmung, auf der anderen Seite das chaotische, dynamische Startup.Dies kann durchaus gewünscht sein. Man muss sich aber dessen bewusst sein und entsprechend managen. Ungelöst ist die Frage, wie zwischen diesen Parallelwelten Synergien entstehen sollen. Des Weiteren ist unklar, wie die Startup-Kultur je in die Versicherungswelt überschwappen soll.

 

  • Lösung von punktuellen Problemen: InsurTech-Startups lösen oft nur punktuelle Probleme. Eine Schweizer Versicherung bietet beispielsweise in Zusammenarbeit mit einem deutschen InsurTech eine Uhrenversicherung an. Als Kunde kann ich meine Uhr mit dem Smartphone fotografieren, das System erkennt die Uhr und ich kriege gleich eine Prämie und kann die Versicherung mit wenigen Klicks abschliessen. Tolle Lösung. Löst aber nur ein punktuelles Problem.

 

  • Fehlinvestitionen: Aktuell stellen Versicherungen mehr Geld zur Verfügung, als sinnvoll in innovative Ideen investiert werden kann. Dies bedeutet in der Folge: Für InsurTechs wird zu viel bezahlt und noch schlimmer: Es wird auch viel Geld in schlechte Ideen investiert.

 

Nun, was hat das alles mit der Digitalisierung in der Industrieversicherung zu tun? Wo stehen wir in der Industrieversicherung mit Blockchain, Machine Learning, Internet of Things und so weiter?

IT-Realität in der Industrieversicherung

Die bittere Wahrheit ist: Leider hat das herzlich wenig mit dem Stand der Dinge in der Industrieversicherung zu tun.

Die Realität sieht oft so aus, dass die grossen IT-Investitionen ins Retail-Massengeschäft fliessen. Die Erneuerung der Bestandsführung im Massengeschäft verschlingt oft mehrere 100 Millionen Euro.

In die IT der Industrieversicherung wird aber kaum investiert. Entsprechend basieren viele Systeme noch auf Technologie aus den 1990er oder gar 1980er Jahren. Die Bestandsverwaltung der Policen erfolgt oft noch auf 40 Jahre alten Hostsystemen. Typischerweise existiert pro Sparte eine eigene Host-Anwendung. Von Durchgängigkeit kann also nicht die Rede sein.

Zusätzlich ist oft noch das Folgende gegeben:

  • Die zentralen Prozesse wie die Risikoprüfung oder die Angebotserstellung werden mit Tools wie Word und Excel erstellt.
  • Die Kommunikation erfolgt nicht über eine Plattform, sondern per E-Mail, Post etc.
  • Ausgewertet und automatisch verarbeitet werden höchstens die Bestandsdaten, nicht aber die Angebotsdaten oder gar die einzelnen Vertragsklauseln.

 

Bevor wir uns also Gedanken machen über Blockchain und Machine Learning, sollten zuerst die grundlegenden Prozesse digitalisiert werden.

Digitalisierung der Industrieversicherung

Wie könnte denn eine zeitgemässe IT-Architektur für die Industrieversicherung aussehen?

  • Alle Daten werden strukturiert erfasst – kein Excel oder Word mehr
  • Alle Frontprozesse – wie Risikoprüfung, Angebotserstellung, Policierung – laufen durchgängig über die gleiche Underwriting Plattform
  • Alle Stakeholder greifen auf diese einheitliche Plattform zu. Kein Datenaustausch mehr per E-Mail
  • Externe Systeme wie ein Brokerportal können über eine standardisierte Schnittstelle angebunden werden
  • Nachgelagerte Systeme wie Schaden, In- und Exkasso sowie Datawarehouse werden direkt mit Daten beliefert
  • Wichtig ist hierbei, dass die Frontprozesse flexibel bleiben und die Backend Prozesse stabil.

Dies alles ist bereits heute realisierbar mit verfügbarer, erprobter Technologie. Ohne Blockchain und Artificial Intelligence.

Basierend auf einer einheitlichen Underwriting Plattform sind nun diverse Ausbauschritte möglich:

  • Eine solche Plattform kann auf einer hochverfügbaren, sicheren und günstigen Hardware in der Cloud betrieben werden
  • Die Einbindung von beliebigen Datenquellen – z.B. Wetterdaten, Internet of Things Daten ist möglich
  • Die Weitergabe und Auswertung der Daten kann beispielsweise an Big Data Systeme mit künstlicher Intelligenz erfolgen
  • Über eine standardisierte Blockchain wie die B3i Plattform können beispielsweise Rückversicherungsdaten mit anderen Marktteilnehmern ausgetauscht werden.

 

Fazit

  • Auch wenn man den Markt aufmerksam beobachten sollte, so muss man trotzdem nicht jedem Trend hinterherrennen.
  • Auch für die Digitalisierung in der Industrieversicherung gilt: Zuerst ist die Pflicht zu erledigen und dann die Kür.
  • Agieren Sie marktgetrieben – nicht technologiegetrieben.
  • Stellen Sie sicher, dass sie gegenüber dem Markt genügend flexibel sind, d.h. dass Produktanpassungen schnell und einfach möglich sind.
  • Stellen Sie ebenfalls sicher, dass Sie gegenüber internen Schnittstellen und Prozessen genügend stabil sind und die benötigten Daten liefern können.

 

Und wenn Sie etwas von Google lernen wollen: Gehen Sie näher an den Kunden ran, befassen Sie sich mit seinen Bedürfnissen!

Und zu guter Letzt: Etablieren Sie eine Unternehmenskultur, die Wandel begrüsst und belohnt!