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Internationale Versicherungsprogramme: Ansätze zur Besserung

Autor: Martin Nokes für die Handelszeitung vom 21. April 2022 (Michael Blattner hat wesentlich zu diesem Artikel beigetragen, wofür wir ihm herzlich danken.)

Internationale Unternehmungen haben das Bedürfnis, das Versicherungsmanagement zentral zu steuern. Dafür braucht es Versicherungsprogramme.

Das internationale Programmgeschäft (IP) ist eines der komplexesten Versicherungsgeschäfte, da es mit sehr viel Interaktion zwischen vielen Parteien verbunden ist. Im herkömmlichen Geschäft sind nur Kundschaft, Versicherer und Broker involviert. Bei den IP potenzieren sich die Teilnehmenden vor allem international. Hier kommt also hinzu, dass diese Parteien sich in verschiedenen Ländern befinden, die lokal unterschiedlichen gesetzgeberischen Rahmenbedingungen und Regulatorien unterliegen;

  • unterschiedlichen Steuerregimes unterliegen;
  • unterschiedliche Sprachen sprechen und Währungen verwenden;
  • nicht zwingend Mitarbeitende der eigenen Gesellschaft sind, sondern von Partnern;
  • eigene Systeme, Prozesse und Abläufe sowie Fähigkeiten besitzen.

Es ist sehr anspruchsvoll, IP effizient, steuerbar und risikogerecht zu betreiben. Entsprechend ist dieses Geschäft fehleranfällig, wobei die Fehler meist erst erkannt werden, wenn ein Schaden eingetreten ist.

Erprobte Ansätze zu Verbesserung

Relativ rasch und ohne grosse Investments lassen sich erhebliche Verbesserungen durch die konsequente Ausbildung und Schulung der involvierten Mitarbeitenden erzielen. Hierbei dürfen die Partner nicht vergessen werden. Grundlage für den Erfolg der Ausbildung ist, dass sich alle Beteiligten in einer einzigen «Corporate Language» verständigen und die Schulungsmaterialien und Guidelines in dieser Language verfasst werden. Darauf basierend sind insbesondere folgende Themen zu schulen:

  • Konzept eines IP
  • Prozesse und Abläufe innerhalb von IP
  • Rollen und Erwartungen
  • Bedienung der eingesetzten Applikationen und Tools
  • Terminologie (alle müssen unter den Begrifflichkeiten dasselbe verstehen)
  • Internationale Kommunikation und Zusammenarbeit.

Regulatorische Konsequenzen

Sind die Grundlagen durch das Schulungsprogramm gelegt, kann der Fokus auf Prozesse und IT-Systeme gelegt werden. In fast allen Versicherungskonzernen ist es so, dass kein durchgängiges System zur Erstellung (Angebote, Policen) und Administration der IP vorhanden ist. Im Gegenteil:

Häufig ist man gezwungen, auf Tools auszuweichen, die mit unstrukturierten Daten arbeiten, wie beispielsweise in Text-, Tabellenkalkulations- und E-Mail-Programmen. Wo IT-Systeme zur Verfügung stehen, sind lokale und internationale Systeme oft nicht integriert oder nicht durchgängig.

Dieses unzulängliche Tooling führt zu Reibungsverlusten, Ineffizienz sowie zu Frustrationen seitens der Mitarbeitenden, der Broker und der Kundinnen und Kunden. Auch die Transparenz und Steuerbarkeit des Gesamtprozesses wird erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht.

Es empfiehlt sich, eine einzige Plattform einzusetzen.

Stockt beispielsweise die lokale Vertragserstellung in einem Land, ist nur schwer feststellbar, woran dies liegt. Ist das Master-Versicherung- Agreement im Land des Hauptsitzes bereits ausgestellt, kann eine lokale Verzögerung sogar regulatorische Konsequenzen nach sich ziehen, so zum Beispiel im Vereinigten Königreich (Contract Certainty Code of Practice).

Dass es Differenzen zwischen den lokalen Policen und der globalen Vereinbarung gibt, liegt in der Natur von IP. Wichtig ist, sie zu kennen und zu verstehen («Underwriting Intent»). Ohne entsprechende Systeme wird dies aber so aufwendig, dass ein IP kaum kosteneffizient betrieben werden kann.

Eine einheitliche Plattform

Statt eine Vielzahl unverbundener, unterschiedlicher Systeme einzusetzen, empfiehlt es sich, eine einzige Plattform für die Master-Versicherung-Agreements, lokalen Policen des IP und das reguläre lokale Geschäft einzusetzen. Häufig sind viele der Inhalte, Geschäftsregeln und Prozesse über die verschiedenen Policenarten hinweg gleich oder weisen eine hohe Übereinstimmung aus. Gleichzeitig ist es so, dass Produktanpassungen meist lokal getrieben werden, zum Beispiel wegen sich verändernder Regulatorien und Gesetze.

Die Anpassungen sollen oder müssen gar auch in die lokalen Policen der IP einfliessen, teilweise auch in die Master-Versicherung-Agreements. Der Einsatz einer einzigen Plattform ermöglicht diesbezüglich die Wiederverwendbarkeit beziehungsweise garantiert dafür, dass lokale Änderungen überall einfliessen.

Weiter sollte dieselbe Plattform in möglichst vielen Ländern/Einheiten eingesetzt werden, damit Durchgängigkeit, Transparenz und Konsistenz gewährleistet werden können. Auch die Einfluss- und
Steuerungsmöglichkeiten werden durch den Einsatz einer konsolidierten Plattform erhöht.

IP stellen an eine IT-Plattform höchste Anforderungen bezüglich der Flexibilität. So muss sie  branchenübergreifend einsetzbar, mehrsprachig und mehrwährungsfähig sein und mit internationalen Steuern umgehen können. Da die Druckstücke – Angebote, Policen und so weiter – sehr vielfältig und dynamisch sind, hat sich gezeigt, dass zentrale Systeme für deren Erzeugung zu  wenig Flexibilität aufweisen. Es ist daher von Vorteil, wenn die Plattform eine eigene Print-Engine  anbietet, die über diese Fähigkeiten verfügt. Lokale Prozesse in den Ländern weichen ebenfalls  voneinander ab. Auch diesbezüglich muss die Plattform entsprechende Flexibilität bieten, damit  lokale Workflows berücksichtigt werden können.

Investitionen nötig

IP sind komplex und ein äusserst spannendes, anspruchsvolles Geschäft. Durch die Globalisierung und die zunehmende Internationalisierung auch kleinerer und mittlerer Unternehmen haben sie in den vergangenen Jahren ein grosses Wachstum erfahren dürfen. Trotz den grösseren Volumen werden IP in absehbarer Zukunft nicht standardisiert und automatisiert betrieben werden können, da die Bedürfnisse der Versicherungsnehmenden zu individuell sind. Diesen individuellen Anforderungen müssen die IP Rechnung tragen können.

Um die IP trotzdem erfolgreich und effizient betreiben zu können, muss deshalb in die  kontinuierliche Aus- und Weiterbildung sowie in flexible, länderübergreifend einsetzbare IT-Systeme  investiert werden.


Martin Nokes, Mitglied der Geschäftsleitung, Consor AG, Zürich.

 

 

Eine Lösung für den gesamten Konzern

Struktur eines internationalen Versicherungsprogramms

 

Struktur eines internationalen Versicherungsprogramms

Master-Police

Besitzt eine Schweizer Gesellschaft ausländische Tochterunternehmen, muss geklärt werden, ob diese sich selbst um ihre Versicherungen kümmern müssen oder ob der  Versicherungsschutz der Muttergesellschaft auf die Tochterunternehmen ausgeweitet werden soll.  Mithilfe eines internationalen Versicherungsprogramms ist hingegen Folgendes möglich: In der Schweiz wird mit einem Versicherungsanbieter eine Lösung für den gesamten Konzern erarbeitet (Master-Police). Über lokale Niederlassungen der Versicherung oder über seine lokalen Netzwerkpartner wird anschliessend pro Land eine lokale Police ausgestellt. In der lokalen Police werden die Vorgaben der Master-Police berücksichtigt, zusätzlich dazu aber auch die jeweiligen lokalen Vorschriften (Recht, Steuern und so weiter).

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