+41 44 368 35 35 hello@consor.ch

Interview mit David Ribeaud

Vier Fragen an David Ribeaud, CEO Specialty Lines der Helvetia Versicherungen

David Ribeaud CEO Specialty Markets

David Ribeaud
CEO Specialty Markets

David Ribeaud ist CEO für den Geschäftsbereich Specialty Lines & Foreign Countries und  treibt seit dem 1. Januar 2015 als Mitglied der Konzernleitung der Helvetia Gruppe die weitere Entwicklung in den internationalen Märkten sowie den Specialty Lines voran.

Fari Malla hat David Ribeaud interviewt und nachgefragt, mit welchen Entwicklungen sich Versicherungen speziell im Industriegeschäft auseinandersetzen müssen.

Was halten Sie von Online-Lösungen im Industriebereich? Glauben Sie, dass diese an Wichtigkeit zunehmen werden?

Helvetia verfolgt im Bereich der Digitalisierung drei Ziele: Anbieten von Online-Lösungen, zweitens Big Data, das heisst, die vorhandenen Daten optimal zu nutzen und drittens die Automatisierung der Geschäftsprozesse. Das sind grundsätzlich die drei Elemente, welche wir verfolgen.

Ich denke, im Industriebereich sind Online-Dienstleistungen sehr wichtig, damit der Kunde Zugriff auf gewisse Daten und Produkte hat und gewisse Änderungen auf sehr einfache und effiziente Art selber vornehmen kann. Muss der Kunde z.B. im Transportgeschäft an einem Wochenende ein Zertifikat erstellen, so kann er dieses direkt online produzieren. Mit anderen Worten erhält er zum gewünschten Zeitpunkt die gewünschte Leistung.

Bei Online-Lösungen geht es nicht darum, die Aufgaben an den Kunden abzuwälzen sondern darum, dass der Kunde den Zeitpunkt der Dienstleistung selber bestimmen kann und unmittelbar eine Antwort erhält. Dadurch können wir unsere Dienstleistungen verbessern und die Kundenorientiertheit erhöhen. Wichtig ist, dass man als Gesellschaft im Hintergrund Systeme einsetzt, die diese Bedürfnisse auch tatsächlich effizient abdecken.

Abgesehen vom zeitlichen Aspekt ermöglicht die Digitalisierung auch bei der Produktgestaltung völlig neue Möglichkeiten.

Viele Versicherungsdokumente wie Policen haben ihre Struktur aus der Zeit, als man noch mit Schreibmaschine geschrieben hat. Zu dieser Zeit gab es gewisse operative Einschränkungen. Das heisst, man hat z.B. AVB’s vordrucken müssen. Hinzugefügt wurden dann die besonderen Bedingungen, die man spezifisch pro Kunde verfasst hat. Anschliessend wurde das Ganze zusammengeheftet und dies war dann das Produkt. Kundenorientiert war dies überhaupt nicht, im Gegenteil, solche Bedingungswerke können für den Kunden irreführend sein. Man konnte nicht jedes Mal bei einer Änderung den Vertrag anpassen, so wie es heute möglich ist.

Heute haben Versicherungen dank der Digitalisierung die Möglichkeit, in einer Police massgeschneidert nur jene Bedingungen aufzuführen, die für den Kunden relevant sind und beispielsweise gleichzeitig automatisiert eine Zusammenfassung für den Broker zu erstellen.

Wenn man sich aber umschaut, dann sieht man, dass immer noch Gesellschaften existieren, die sich in diesem Schreibmaschinenmodus befinden.

Ist aus Ihrer Sicht Big Data nur ein Schlagwort oder doch ein nützliches Instrument? Kann der Industriebereich von diesen Daten profitieren?

Im Industriebereich existieren nicht so homogene Risiken, entsprechend stehen den Gesellschaften weniger Daten zur Verfügung. Dennoch existieren sehr viele Informationen, die bisher nicht auswertbar waren, weil diese in Textform vorliegen. So kommt es vor, dass z.B. Selbstbehalte oder Sublimiten oftmals in diesen komplexen Wordings versteckt sind. Auch hier stehen immer mehr Big Data Technologien zur Verfügung, mit denen diese Daten ausgewertet werden können. So gesehen haben wir letztlich riesige Datenmengen. Dank denen können wir verschiedene Szenarien laufen lassen, auch Risikoprüfungen, um irgendwelche Kumulrisiken zu erkennen.

Im Industriebereich haben wir kein Big Data im Sinne von vielen Schadeninformationen, vielmehr im Sinne von Exposureinformationen. Der Trend ist, dass diese externen Daten immer mehr in elektronischer Form vorliegen. So können wir diese automatisiert einlesen, effizient weiterverwenden und schlaue Modelle darüber laufen lassen.

Wichtig sind auch öffentlich zur Verfügung gestellte Informationen über Kunden in der Presse, in Berichten, bei Behörden sowie über Standorte. Viele Informationen können somit im Underwriting-Prozess genutzt werden. Wir haben oft Policen mit über tausend Standorten, da ist es hilfreich an solche Informationen zu gelangen.

Ein Underwriter kann unmöglich alle Daten bewerten, dazu benötigt er Hilfe und mit entsprechenden Datenanalysen kann man ihm sehr wertvolle Unterstützung anbieten.

Wie sehen Sie die Entwicklung auf der Kundenseite, bzw. bei den Brokern? Sind diese tatsächlich einem hohen Wettbewerbsdruck ausgesetzt?

Aufgrund der angespannten Wirtschaftslage besteht ein erhöhter Wettbewerbsdruck für den Broker. Wenn er sich nicht anstrengt, hat er schnell ein negatives Wachstum.

Das gilt natürlich nicht nur für den Broker, sondern auch für die Versicherungsindustrie. Deshalb stellen wir einen starken Wettbewerb fest, der sich in Mehrausschreibungen zeigt. Policen werden ausgeschrieben, obwohl die Dienstleistung perfekt stimmt. Heutzutage ist es aber auch kein Geheimnis, dass man bei jedem Vertrag den Preis problemlos verbessern kann; auch bei Verträgen, welche nicht sehr profitabel sind.

Ein Grund für diese Wirtschaftslage liegt in den vorhandenen Überkapazitäten bzw. in den Finanzmarktrenditen.  Obligationen zum Beispiel werfen kaum noch Renditen ab, Aktien sind auch beschränkt. Investoren sehen noch ansprechende Returns in Equities in der Versicherungs- und Rückversicherungsbranche, wobei diese meiner Meinung nach momentan nur positiv sind, weil es wenige Naturkatastrophen gegeben hat. Normalerweise würden diese Renditen nicht immer so rosig ausfallen.

Solange Investoren diese Aktien positiv sehen und entsprechend investieren, führt dies zu einer Überkapazität von Kapital und zu einem Preisdruck, der nicht mehr nachhaltig ist.

Kurzfristig könnte man jede Police jedes Jahr ausschreiben und den Preis neu nach unten verhandeln, insbesondere wenn der Vertrag nicht verlustbringend ist. Aber dies ist halt die kurzfristige Sicht. Ich behaupte, heutzutage kann man problemlos einen Preis bekommen, der halt eben nicht stimmt. Es gibt immer wieder Anbieter, die aus irgendwelchen Gründen bereit sind, Verlustgeschäfte abzuschliessen.

Glücklicherweise gibt es immer noch Broker und Kunden, welche einen Vertrag oder eine Beziehung langfristig betrachten, bei der die Dienstleistung noch stimmt. Klar muss dabei der Preis immer stimmen.

Helvetia ist international ausgerichtet und in vielen Ländern tätig. Wodurch unterscheiden sich diese Länder?

Hauptunterschiede zwischen den Ländern sind Compliance und Kultur.

Betreffend Compliance liegt der Unterschied in den einzelnen Ländern in der Komplexität der regulatorischen Anforderungen, den steuerrechtlichen Anforderungen sowie in den Kapitalanforderungen. Diese Faktoren variieren sehr stark von Land zu Land.

In bestimmten Ländern existieren für eine Erstversicherung strengere Bedingungen als wenn man als Rückversicherer unterwegs ist. Dort gibt es gewisse Erleichterungen, das variiert jedoch stark pro Land. In gewissen Ländern ist z.B. eine Lizenz auch für eine Rückversicherung notwendig, man muss dann auch teilweise im Land etabliert sein. In anderen Märkten kann man als Rückversicherer ohne Lizenz problemlos agieren. In den Vereinigten Staaten z.B. ist dies bei gewissen Arten von Geschäften möglich. Dazu benötigt man eine sogenannte Excess & Service License.  In Brasilien ist es sehr schwierig oder gar unmöglich, wenn man dort nicht etabliert ist.

Heutzutage muss man nicht nur in regulatorischer Hinsicht, sondern auch in steuerrechtlicher Hinsicht compliant sein. Auch in Europa hat die Komplexität zugenommen. Die meisten Regierungen stehen steuerlich unter Druck. Ihre Steuereinnahmen nehmen ab und ihre Ausgaben nehmen zu. Sie versuchen deshalb die eigenen Märkte zu schützen, indem z.B. Freedom of Services je nach Land mehr oder weniger stark eingeschränkt werden, und zwar indem eine Niederlassung benötigt wird und die Steuern vor Ort bezahlt werden müssen.

Vertriebsmässig gibt es in gewissen Ländern auch Einschränkungen, in dem z.B. ein Versicherungsagent höchstens mit drei Gesellschaften arbeiten darf. Er wäre somit eine Art Broker. In diesen Ländern kann man nur mit Broker zusammen arbeiten, obschon der Agentenkanal je nach Geschäft auch sehr wichtig wäre.

Aus Sicht der Kultur gibt es selbstverständlich Unterschiede. Sie zeigen sich unter anderem auch daran, dass bestimmte Märkte aggressiver sind als andere. Nehmen wir ein einfaches Beispiel aus dem Privatkundengeschäft:

In UK ist der Markt für Autoversicherungen ein sehr aggressiver Markt. Die Leute wechseln nicht grade monatlich, aber wegen ein paar wenigen Franken sehr häufig. Dies ist also ein sehr dynamischer, teilweise eben aggressiver Markt. Und dann gibt es die Schweiz, wo die Leute mehr auf Langfristigkeit und Stabilität setzen und wegen CHF 20.- nicht wechseln.

Aufgrund der unterschiedlichen Kultur und der Compliance haben die Länder unterschiedliche Potenziale. Diese versuchen wir langfristig zu nutzen.

Besten Dank für das Interview.